Einstieg in einige zentrale Begriffe der Psychoanalyse

I n h a l t s ü b e r s i c h t

1. Das Lustprinzip 
    1.1 Entwicklung der Theorie 
    1.2 Formulierung des Prinzips 
    1.3 Spannung und Entspannung - Wirken des Prinzips 
    1.4 Verhältnis der Lust-/Unlustdynamik zur psychoanalytischen Theorie
     Vorbereiten eines Traumes auf die Deutung
     Schriften: Freud-EInstieg

2. Lust 

     2.1 Bewusstsein und Lust 
     2.2 Lustentartung (Ersatzbedürfnisse) 
     2.3 Lust als Gesundheitskriterium 
     2.4 Selbstevidenz der Lust 
     2.5 In den Wissenschaften
 

3. Das Realitätsprinzip 
    3.1. Sinnbestimmung 
    3.2. Arbeitsweise 
    3.3. Versagen des Ichs 
    3.4. Wiederaufrichtung

4. Allgemeine Bestimmung der Traumdeutung in Freuds Psychoanalyse

5. Zur Bewältigung einer akuten Krise: Wie ist vorzugehen beim "Freien Assoziieren" 
   über die Symbole (Methode, um Träume, Bilder usw. vorzubereiten auf den
   Versuch, ihre Bedeutung zu entschlüsseln).

6. Die "narzißtische Kränkung". Über das Wesen des narzißtischen Syndroms
    und die nicht leicht verkraftbare Wirkung solcher Selbsterkenntnis.

7. Skizze einer Therapeutischen Nachreifung.
    "Symbol-Lehre". (Aus Freuds Traum-, Kunst- und Sprachauslegungsmethode)

8. Versuch einer Zusammenfassung der Freudschen Psychoanalyse und Stand
   der aktuellen Forschungsbefunde am Beispiel des Werkes "Totem und Tabu" (1913)




Das Lustprinzip ist eine Formulierung der psychoanalytschen Theorie, für deren Entwicklung sich Freud vor allem auf die Befunde der Traumanalyse stützte, den "Königsweg in das Unbewusste". Genauso wichtig war ihm aber , die auf diesem Gebiet gewonnenen Erkenntnisse mit denen der Naturwissenschaften abzugleichen, so der Evolutionstheorie Darwins und den Befunden der zellbiologischen Forschung, das Fachgebiet, von dem Freud ursprünglich kam.

Entgegen einem weit verbreiteten Irrtum bezieht sich das Lustprinzip der seelischen Energie ("Libido") nicht nur auf die sog. “sexuellen” Genüsse, sondern liegt es allen Arten sich regender Bedürfnisse zugrunde, die das Lebewesen befriedigen muß, um sich selbst und seine Art zu erhalten. Hierbei wird es zur wesentlichsten Aufgabe des ICHs, das Lustprinzip abzugleichen mit den Anforderungen der umgebenden Realität, denn die dort vom Ich realisierten Faktoren können sowohl positiver Art sein, als auch unmittelbar lebensbedrohlliche Ausmaße annehmen. Gleichviel aber, wie lebenswidrig die umgebenden Faktoren wären, soll das ICH die Lustbestrebungen seines ES niemals verdrängen ins "Unbewusste", es soll sie lediglich bewusst kontrollieren  ("Selbstbeherrschung") und die lebenswidige Umgebung - wo möglich - umgestalten im Sinn der ES-eigenen Bedürfnissen. Auf solcher Lust- und Realitätsprinzip vereinigenden Leistung, beruhen alle naturgemäßen Kulturen und Zivilisationen, welche unvergleichlich anders sind als die triebfeindlich konzeptionierten, patrialen Gesellschaftsformen auf Erden... 

Wie der Graphik  oben zu entnehmen, ergibt sich ausgehend vom ES eine Aufzweigung der Libido zu zwei hauptsächlichen Bereichen: nach oben in den Erkenntnisdrang (Geist) und nach unten in den Handlungsdrang (Körper), wobei dieser sich nochmals in 5 verschiedene Bedürfnisse untergliedert. Das Lustprinzip wirkt demnach zentral im Bedürfnis nach Energie (Aufnahme von Nahrung und Umgebungswärme), welches auf direktem Wege der Lebenserhaltung des Organismus dient. Die sexuellen Handlungen hingegen stehen im Dienste der Artehaltung (Vermehrung + Natürliche Selektion), die sozialen, souveränen und erotischen führen zur Gemeinschaftsbildung und die geistigen zur Selbst- wie zur Umwelterkenntnis hin. Auch die kulturell-zivilisatorischen Leistungen, welche das "Ich" auf diesen Gebieten vollbringt: die Künste und Technik, seine wissenschaftliche Forschung und die naturphilosophischen Weltanschauungen - sind demnach angetrieben von der Libido, das energetische Reservoir oder die Quelle, aus der die Seele in ihrer leib-geistigen Symbiose Gestalt nimmt, sich zu einer sozialen Lebensform ( siehe Bild) entfaltend.

         "Es ist (daher) nicht möglich, lustvoll zu leben, ohne dass man vernunftgemäß, schön und gerecht lebt, 
noch ist es vernunftgemäß, schön und gerecht, ohne Lust zu leben." Epikur


1 -- Entwicklung der Theorie

Die in den früheren Werken vertretene Hypothese eines scheinbar nur im Sexuellen wirkenden Lustprinzips war bedingt von den an sog. Hysterie leidenden, ersten Patientinnen Freuds, deren Assoziationen regelmäßig zu den Genitalien und ihren Lustempfindungen verwiesen. Dieser Bereich wurde vor 100 Jahren ausschließlich der Sexualität zugerechnet. Aus Beobachtungen von Kleinkindern schloss Freud jedoch auf ein von Geburt an bestehendes Verlangen nach Lust, das so vielgestaltig und unspezifisch war, dass ihm Zweifel kamen, ob es sich bei all diesen Regungen tatsächlich insgesamt nur um frühe Vorformen des Sexualtriebes handeln könne und fasst seine neu gewonnen Ansichten bezüglich des kindlichen Lustverhaltens im Begriff der “polimorphen Perversionen” zu sammen  – ein Kunstgriff, der erforderlich war, sich seinen Fachkollegen überhaupt annäherend verständlich zu machen. In der Victorianischen Epoche wurden Kindern genitale Lustregungen konsequent abgesprochen; die Kindheit war als “asexuell” definiert, im Sinne der "unschuldigen" Engelchen im kirchlichen Himmel. Überhaupt galten um 1900 alle Formen der Lust, die nicht direkt und ausschließlich nur im Dienste der Fortpflanzung standen  - wie der “homoerotische” Lustaustausch (irrtümlich: Homosexualität), als Perversionen, so umfassend, dass bei Tisch den Appetit mit "Lust auf" zu kommentieren als unschickliche Obzönität galt.

Die kindlichen polimorph-perversen Regungung äußern sich Freuds Erkenntnissen nach nicht nur in der Befriedigung über die Geschlechtsorgane: Onanie bereits in der Wiege, 'Doktorspiele', sondern ganz allgemein in jeder Form von Lustgewinn durch den Körperkontakt, Haut an Haut zu mehreren sich reiben, allein an Gegenständen, Saugen, Nuckeln mit und ohne Nahrungsaufnahme, Ausscheidung, Nasebohren usf. alle weiteren denkbaren der vielgestaltigen, damals so genannten 'Perversionen ' - ein Begriff also, der von Freud nie wörtlich gemeint war (lat. pervere: verdreht, unnatürlich, abartig. Griech.: poli: viel und morphéin: Gestalt) und dessen Verwendung in diesem Zusammenhang heute überholt ist.

Nicht zum gesunden Lustverhalten der Kinder gehört die vollzogene Begattung; sie setzt die hormonell-körperliche Entwicklung voraus, welche der Organismus (die Seele) erst im Laufe der Pubertät erreicht. Jedoch üben Kinder untereinander dieses Verhalten in ihren Spielen, sofern sie nicht durch die Lustfeindlichkeit einer Sauberkeits- und moralischen Erziehung eingeschränkt werden. Schon Ansätze hiervon verursachen Freuds Theorie gemäß eine Traumatisierung der natürlichen Antriebe -  somit führen sie zum Phänomen der ins Unbewusste gewaltsam verdrängten Instinkte mit dem respektiven Ausbruch der leidensvollen Ersatzbedürfnisse (Neurosen; Konsum-, Prestige- und Machtdrang/ alle Formen von "Süchten" und Perversionen.) Allerdings akzeptieren andere Richtungen der Psychologie - selbst sog. "Psychoanalytiker" diesen Ansatz nicht und postulieren abweichende oder konträre Ansichten.

Beispielsweise sieht der Soziologe Arnold Gehlen in dem von Freud sinngemäß als "neurotische Instinktverarmung" definierten Phänomen der Ersatzbedürfnisse kein pathologisches Phänomen/ Erkrankung der Seele). Stattdessen nimmt er an, der Mensch habe seine Instinkte im Lauf der Evolution aus dem Erbgut verloren und als kompensatorisch volltauglichen Ersatz sein einmalig großes Ego erworben. Andere Soziologen (oder Gehlen selbst?) postulieren wiederum das Gegenteil: Zuerst sei der Geist evolutioniert und dann sei er auf die Idee gekommen, sich der meisten seiner Instinkte - da dank "Technik" überflüssig geworden - zu entledigen. Satres Kommentar zu solchen und ähnlichen Ansichten: "Der Mensch wurde von der Natur zur Freiheit verurteilt" - für Freud war es ein Grund zum tiefsten "Unbehagen in der Kultur" (Gemeint war nicht das Naturphänomen "Kultur", sondern unsere patriale, instinktfeindlich konzeptionierte Gesellschaftsform.)

Für eine kritische Betrachtung jener unter der Bezeichnung Instinktreduktion publizierten, unseres Erachtens tendenziösen Hypothesen, wäre nützlich, die 6 angeborenen Verhaltensmuster (Instinkte) und Bedürfnisse, die die moderne Zoologie bei den Arten der sozial hoch evolutionierter Tiere entdeckte, in Kontrast mit den "Ersatzbedürfnissen" zu stellen, die als Ventile aus dem Überdruck der gewaltsam ins Unbewusste verdrängten Triebenergie entspringen.  Diese Leistung erhoffte sich Freud in Das Unbehagen in der Kultur anhand einer künftigen Primatenforschung zu vollbringen, leider kam es dazu erst nach seinem Tode, dank der Befunde, die die von Konrad Lorenz' entwickelte ethologische Methode ermöglichte. Der Ethologin Jane Goodall kommt das Verdienst zu, entdeckt zu haben, dass unsere nächsten genetischen Verwandten nicht etwa in "monogamischen Familien" leben   - wie die nachsintflutische Menschheit aufgrund Noahs Arche voll monogam gepaarter Fabeltiere glaubte (und viele Forscher noch immer!) -, sondern in Horden von 2 Geschlechtergruppen und 1er großen Gemeinschaft von Kindern aller Altersstufen beiderlei Geschlechts. Diese Entdeckung ermöglichte die Lösung einer Schwierigkeit, die Freud seinerzeit - beim damaligen Stand der Wissenschaft - unmöglich beheben konnte, und zwar die ad acta-Legung seiner hypothetischen "Darwinschen Urhorde", die er in Totem und Tabu erörterte, auf der Suche nach dem Ursprung der seelisch krank machenden Monogamie. Freuds hypothetische Urhorde erwiess sich als unhaltbare Annahme - sie gleicht keiner ethologischen Horde, sondern dem vorderasiatischen 'Modell' des Zusammenlebens aus 1 Pascha + Harem von x Frauen und Kindern.



Formulierung des Prinzips

Die Herkunft aller Formen der Lust verortete Freud über die biologische Ebene in einer universalen, triebenergetischen Lebenskraft, die er die “Libido” nannte. Inspiriert wurde er hierbei unter Umständen vom “elan vital” Henri Bergsons. Bergson führte diese "Schöpferische Kraft" ein aufgrund seines realistischen Eindruckes, dass Darwins Evolutionstheorie ohne solch noumenale Lebenskraft ein rein mechanistisches Konstrukt sei, getrieben vom geistlosen Zufall der blinden Variabilität (Mutationsphänomen) und der Selektion der jeweils optimalst umweltangepassten Mutanten (Natürliche Zuchtwahl Gesetz).

Ein später Versuch Freuds, der von Einstein angeregt wurde, stellt die Annahme dar, die Libido müsse sich in Form von Energiequanten materialisieren und als solche auch in den Lebewesen wirken, eine Hypothese, die zur Vereinigung von Physik und Psychologie gedacht war und geeignet ist, der aber in den Generationen nach Freud keine Beachtung mehr geschenkt wurde.

An sich monistisch, äußert sich die selbst nicht empirisch meßbare Energie ab dem Moment ihrer Verwirklichung oder Materialisation dualistisch, d.h. nimmt nach Freud psycho-physische, geist-körperliche oder zeit-räumliche Formen und Verhaltensweisen an, also zugleich den Aspekt der Statik und Dynamik. Beide sind erst wieder im “ES” – Freuds Begriff der Seele (die nicht mit der religiösen Seelenauffassung verwechselt werden darf) - harmonisch vereinigt, vor allem in dem Moment, da das Gleichgewicht zwischen den sich mit Unlust meldenden Grundbedürfnissen und ihrer (lustvollen) Befriedigung hergestellt worden ist.

Ein unbefriedigtes Grundbedürfnis erzeugt demnach wesensmäßig energetische Spannungen - entweder auf eher körperlicher oder auf eher geistiger Ebene, je nach dem welche von den 6 Bedürfnissen es war, das unbefriedigt blieb. In Frage kommen z. B. Einsamkeitsspannungen infolge sozialer Frustrationen, oder Unsicherheit infolge eines Sachverhaltes, der nicht (geistig) geklärt wurde. Beides verlangt auf seine je eigene Weise nach Befriedigung (Lustgewinn bis zur Stillung des Bedürfnis').

Es wird dabei nach dem Prinzip der Trieböknomie verfahren, d.h. die Energie investiert zunächst etwas von sich selbst, um die Erzeugung von Unlustgefühlen wie etwa "Hunger" zu bewirken, erst deren innere Wahrnehmung den Organismus veranlassen, nach den zu ihrer Stillung geeigneten Objekten zu suchen, wobei als Mehrwert der Investition Lust gewonnen wird. (Siehe hierzu auch die Ausführungen Lacans in Objekt klein a.)



Spannung und Entspannung - Wirken des Prinzips

Die Libido ist nach Freud die Quelle aller Unlust- und Lustgefühle. Dabei hat das ICH/Bewußtsein - wie Freud diese für alle innere und äußere Wahrnehmung zuständige, zu Freien Entscheidungen begabte Instanz der Psyche ernannte - die Aufgabe, nach Klarheit in sich oder nach einer äußeren Lebensquelle zu suchen. Menschen also, und Nahrung und z.B. auch wissenschaftlichen Versuchsobjekten, die geeignet sind, durch wechselseitig lustvollen Hautkontakt, Einverleibung (hinsichtlich der Nahrung) und experimentelle Manipulation mit Betrachtung der Ergebnisse bis zum Heureka-Effekt einer naturwissenschaftlich fundierten Erleuchtung die Spannungen abzubauen, welche in den vorherigen Frustrationen als Unlustgefühl bewußt wurden.


Verhältnis der Lust-/Unlustdynamik zur psychoanalytischen Theorie

War die geistige Unruhe einem geheimnisvollen, von erschreckenden und/oder lustvollen Symbolen handelnden Traum bezogen, so forderte Freud dazu auf, freien Assoziationenen über die Symbole des Traumes zu gewinnen. Dieses Assoziationen sind in seiner Lehre das zentrale Mittel zum Zweck der Bahnung des "Königsweges in das Unbewußte", die Traumanalyse, anhand der Freud das Lustprinzip entdeckte und aus deren Befunden er den Hauptteil seiner Erkenntnisse zusammengetragen hat

Der Psychoanalyse gemäß ist auch ihre Theorie selber - wie alle Symbole der Träume und selbst unsere Sprache* - nur ein Ausdruck der Libido und ihres Lustprinzips auf dem Gebiet des Geistes, also nicht mit der Energie und ihrem zuerst von Epikur formulierten Prinzip des Strebens nach Lust und Meidens von Unlust identisch. (* Zur Vertiefung s. unter "Symbollehre", Psychoanalyse.) Entsprechend erhebt, und kann die Theorie an sich keinen Anspruch auf absolute Wahrheit erheben, da dies ihre Erstarrung in einer bestimmten Form bedeuten würde, die Forschung überflüssig macht. Anstatt dessen stellt sie sich zwecks weiterer Verbesserung zur Diskussion. Gesundes Diskutieren verschafft Lust wie alle gesunden Bedürfnisse (die man von "Ersatzbedürfnissen" unterscheiden muß). Es stellt einen Aspekt des "Forschens" und seiner Experimentierfreude dar, die im Geist für sich betrachtet, ohne sonstige Absichten oder Bedürfnisse, nur der durch "Lust" spürbar werdenden Befriedigung des Grundbedürfnisses “Wissensdrang”/ “Neugierde” dient. Hierbei ist es wie bei der Nahrungsaufnahme: Mit dem Gewinn einer einleuchtenden Erkenntnis ist man satt. Nach einer Weile stellt sich das Bedürfnis nach Wiederholung des Lustgewinns durch Nahrungs- oder Informationsverarbeitung ein. Auch weitere Grundbedürfnisse: der Drang nach lustvollem Hautkontakt z.B., Sozialität und auch Sexualität, sind wie oben gesagt annehmbar.



2 -- Bewusstsein und Lust

Lust ist eine besonders intensive, angenehme Weise des Empfindens, die sich grundsätzlich nach zwei Aspekten unterscheidet. Ausgesprochen geistiger Art sind die lustvollen Gefühle, welche sich z. B. während der aktiv erarbeiteten Logik einer Aussage einstellen, passiv hingegen in der genussvollen Betrachtung z. B. eines prächtig gewachsenen Baumes oder auch schönen menschlichen Leibes (s. Ästhetik). In diesem finden sich dann die körperlichen Weisen des angenehmen, den Drang nach baldiger Wiederholung auslösenden Fühlens (vergl. Emotion, Empfindung), z.B. bei den Gaumenfreuden, im Wohlgefühl der An- und Entspannung wie während einer Massage nach schwerer Arbeit, bei der guten Laune und allen Wünschen, die in existentiellen Bedürfnissen verankert sind ("Lust auf ..."). Die Anziehungsqualität der Lust zeigt sich darin, dass sie – für sich allein gesehen – bei direkter Erfahrung von jedermann gewollt wird (Lustprinzip). Lust wird von gesunden Wesen nur partiell und dann auch nur unter der Voraussetzung abgelehnt, dass ihnen Gründe bewusst werden, die schwere Nachteile zur Folge hätten, würde nicht auf die Befriedigung des jeweils aktuellen Bedürfnisses verzichtet. Beispielsweise wird eine hungrige Gazelle, der aus dem einzigen saftigen Grasfleck weit und breit das hungrige Glitzern der Augen eines Leoparden entgegenfunkelt, instinktiv ihren Appetit auf die eigenen 'Gaumenfreuden' für eine Weile zurückstellen und sich auf die Flucht begeben; hierbei überwiegt das grundlegendere Bedürfnis nach Beibehalten der Lebenslust das nach der Ernährung, dessen Stillung auf einen günstigeren Zeitpunkt verschiebend.


Lustentartung (Ersatzbedürfnisse)

Eine vom Gesunden gänzlich abweichende Form von Lust findet sich bei den sogenannten "Ersatzbedürfnissen" , z. B. den fälschlich so genannten "Lustmorden", die zwar im Zusammenhang stehen mit der Attraktion erotischer Begierden; zum Mord kommt es jedoch nicht aus Lust, sondern infolge ihrer Pervertiesrung, wahrscheinlich Panik, in die der Mörder innerlich gerät, weil sein naturgemäß gesund  Lustempfinden während der Kindheit psychisch traumatisiert worden ist (- als Frauenmörder und Vergewaltiger vermutlich von der Mutter. [Siehe hierzu Alfred Hitchcocks Film Psycho .]) Auch hier kann freilich die Bewusstwerdung nachteiliger Konsequenzen solcher Taten zur vollbewussten Bezähmung zwecks einstweiler Verschiebung führen. Nämliches bei anderen Ersatzbedürfnissen, deren Folgen außerhalb der unmittelbaren attraktiven Erfahrung liegen (z. B., wenn nach den durch Heroinkonsum verursachten, regressiv an die umfassend wohlige Totalgeborgenheit innerhalb des Mutterleibes erinnernden Lustgefühlen erkannt wird, dass Heroin die Gesundheit schädigt, und ein 'genussvoll' geplanter Atomkrieg zum Weltuntergang führen kann. Vgl. Stanley Kubricks Film Dr. No. Oder wie ich lernte die Bombe zu lieben).


Lust als Gesundheitskriterium

"Abhängigkeit" ist kein Kriterium, Süchte oder Ersatzbedürfnisse von Grundbedürfnissen zu unterscheiden. Es müssten ansonsten auch die Gesunden "Süchtige" und "leidend" genannt werden, da sie nicht lassen wollen/können, sich mit vollem Genuss z. B. zu ernähren. Als Urteilskriterium wird ein wissenschaftlich fundiertes Gesundheitsmodell der angeborenen, d. h. von Natur aus gegebenen, wahrhaft lebens- und lustfördernden "Grundbedürfnisse" benötigt. Dem Vorhandensein krankhafter, lebensfeindlich und tatsächlich leidensvoller "Ersatzbedürfnisse" geht die schädliche Verdrängung der Grundbedürfnisse in das "Unbewusste" voraus; als Verursacher kommt nach den Vorstellungen der Freudschen Psychoanalyse nur die Erziehung anhand der verboten der lustfeindlichen Moral in Frage...


Selbstevidenz der Lust

Philosophisch gesehen ist Lust bei den meisten Denkern "in-sich-selbst-wertvoll". Daher spielt sie eine bedeutende Rolle in den verschiedenen Trieb- und Bedürfnislehren. Bereits in der antiken Philosophie wurde der Lust (und Vermeidung von Unlust) ein hoher Stellenwert beigemessen (siehe u. a. Platon, Symposion, und Epikurs Garten). Das Angenehmsein der Lust zeigt sich unmittelbar, anschaulich und emotionell nachvollziehbar auch ohne jegliches Verständnis ihrer Ziele. ( - Man ißt nicht eigentlich zwecks Anhebung des Zuckerpegels, sondern aus Lust; nicht die Fortpflanzung ist ein Grundbedürfnis, sondern die in der Begattung empfundene Lust.) Lustgefühle sind im weiteren Sinne eine 'sich selbst generierende' Erlebnisweise und die körperlichen grundverschieden von denen der ästhetischen Sinneswahrnehmung und denen der sich unmittelbar im Geiste entwickelnden Gedanken, Vorstellungen und logischen Empfindungen. Das Gefühl der körperlich erlebten Lust kann sich aber mit allen denkbaren Arten sowohl der Wahrnehmung als auch der gedanklichen Logik verbinden und zu deren "Gefühlseinfärbung" führen.

Streben nach Lust gehört also nicht zu einer bestimmten Klasse von Erfahrungen, sondern wirkt in allen, daher wird sie in der neueren Gefühlspsychologie als "kontingent" (- verursacht durch innere und äußere Bedingungen, aber nicht logisch "notwendig" erklärbar) verstanden. (Peter Schmidt, 2001, 2005). Ohne Variabilität des Empfindens zwischen Lust und Unlust bei stets gleichbleibender Intensität aller 'Emotionen', wäre weder der Mensch noch die anderen Lebewesen handlungsfähig. So stellt die Qualität des Lusterlebens nicht nur den eigentlichen Beweggrund allen Handelns dar -( selbst bei der "Pflicht" spielen positive Empfindungen bestimmter Art, wie z.B. Unlustvermeidung, die ausschlaggebende Rolle )-, sondern konditioniert Lust auch das Verhalten durch die positiv empfundene Erfahren, d. h. erzeugt starke Bindungen an diejenigen Dinge oder Menschen, mit denen sie erlebt wird.

Im Verhältnis zum angenehmen Gefühl im Allgemeinen ist Lust ein eher engerer Begriff, aber mit ähnlicher Bedeutung wie z. B. das angenehme Gefühls im weiteren Sinne. Während positive Gefühle als Angenehmsein sich z. B. auch bei schwerer körperlicher Betätigung und sozialem Engagement bis hin zur Selbstaufgabe zeigen können, wird der Begriff der Lust im Alltagssprachgebrauch eher dem Bereich des Sexuellen, dem Geschmack und den körperlichen Genüssen und Wohlgefühlen zugeordnet.

Dem Gegenteil von Lust - der Unlust - entsprechen dieselben Charakteristika in entgegengesetzter Erlebnisqualität: Unlust wird für sich selbst gesehen als negativ erfahren und daher gemieden. Darüber hinaus hat Unlust, wie alle von ihr bedingten negativen Gefühle (Schmerz, Trauer, Angst usw.), eine wichtige Funktion innerhalb unserer Motivationen: ihr sind stets Hinweise auf körperliche, seelische oder anderweitige Probleme immanent.


In den Wissenschaften

In Zusammenhang mit unbefriedigt gebliebenen Ersatzbedürfnissen (etwa einem frustrierten Drang nach Lustmorden) können leichter zu ertragende Unlustgefühle auftreten. Diese Tatsache macht die Forderung Epikurs begreiflich, dass man für die Erreichung der Glückseligkeit -die "eudaimonia" - nicht nur ganz bestimmte Arten von Unlust meiden, sondern auch die Vernunft walten lassen müsse, da wir ohne ein fundiertes Gesundheitsmodell unsere Süchte nicht von naturgemäßen Bedürfnissen unterscheiden können. Diese Ansicht liegt auch der psychoanalytischen Debatte um das Phänomen der Instinktverarmung zugrunde, die von Freud u.a. durch sein Werk Das Unbehagen in der Kultur neu angeregt wurde.

In der Psychologie ist Lust die Bezeichnung für eine subjektiv angenehme Empfindung. In der Psychoanalyse Sigmund Freuds wird alle berechtigte Lust auf eine einzige Urkraft zurückgeführt, die Libido, die eine universale, biologische (Trieb-/Energie darstelle, deren Verwirklichung grundsätzlich Lust verschaffe und der das instinktive, angeborene Streben nach Bedürfnisbefriedigung bei gleichzeitiger Meidung von Unlust immanent sei (s. Lustprinzip). Die Bedürfnisse versuchte Freud, da als Medinziner von der Biologie kommend, auf diesem und dem Wege der Traumdeutung allein in der Natur und ihren Gesetzen zu verankern und ihrer jeweiligen Funktion sowie Bestimmung nach zu unterscheiden. So stehe die lustvolle Neugierbefriedigung grundsätzlich im Dienste der Selbst- und Umwelterkenntnis und ihrer 2 Aspekte: Suche nach Lebensbedrohlichem zwecks dessen Meidung, und Suche nach den Quellen der Befriedung jeglichen Grundbedürfnis', wie u.a. des Dranges nach Energie/ Ernährung und angenehmes Klima.

Eine große Rolle spielt in Sigmund Freuds Lehre die "Sexualität", die gemäß Darwin im Dienste der weiblichen Vermehrung und der durch männlichen Wettkampf umgesetzten Verwirklichung des Natürlichen Zuchtwahlgeseztes gestellt wird, bei dem "positive" und "negative Mutanten" geschieden und nur erstere für die Vermehrung zugelassen werden, die mindermutierten Artgenossen verdrängend. Metapsychologisch ist entsprechend Freuds Theorie, die monistische Urtriebkraft der Libido beginne in dem Augenblick ihrer Materialisation sich nach zwei zwar verschiedenen, dabei aber symbiotisch ergänzenden Aspekten zu unterscheiden, die er - seiner Vorliebe für die antiken Naturphilosophen Tribut zollend - nach zwei griechischen Gottheiten ernannte:

>> den "Eros" ( als Anziehung von Gegensätzen: Synthese; Leben; Begehren; Schöpfung; Innen; Verbinden; 'Weiblich') und

>> den “Thanatos” (als Abstoßung von Gleichen: Analyse; Tod; Ablehnung; Vernichtung; Außen; Trennen; 'Männlich'). (Vgl. auch "Die Ánima & Der Ánimus" in C.G. Jungs Archetypen-Lehre.)

Im universalharmonisch "fließenden" Ringen dieser zwei komplementären Aspekte der selben Ur-Energie "Libido", sah Freud - wie Heraklit und Epikur vor ihm - nichts Destruktives, vielmehr umgekehrt die konstruktive, daseinskämpferische Ursache jedes der wahrnehmbaren Symbole, den 'Vater' aller Dinge, "Arten" und der unserem Denken immanenten Gegensätze...

Ungeklärt bis zum Ende seines Lebens, blieb die Herkunft des in der Tat destruktiven, sadomasochistischen "Narzissmus"-Syndroms, an dem ausschließlich der Mensch leidet, das Freud versuchsweise als biologischen "Trieb" definierte, nämlich so genannt "TodesTRIEB", für den er jedoch in der gesamten Natur nichts entdecken konnte, das sich in einer Hinterfragung der jeweiligen Zusammenhänge bewährte; es braucht kein Trieb angenommen werden, aufgrund dessen die Lebewesen sterben. Der Zusatz des Begriffes "Trieb" ist also eine irreführende Bezeichnung des Syndroms "Narzissmus"; es gehört weder dem naturwissenschaftlich verankerten Fachgebiet der Biologie zugerechnet, noch der Metapsychologie, sondern bietet das Syndrom Anlaß zu einem der Hauptkapitel in der "Pathologie"-Abteilung von Freuds Lehre.

Dieses Gebiet befasst sich also nicht mit den seelisch  einwandfrei naturverbundenen Lebewesen und den lebenswichtigen Funktionen ihres Erkenntnisaparates, sondern mit unser am Narzissmus und vielerlei Ersatzbedürfnissen leidenen patriarchalischen Gesellschaft - dem Phänomen der sog. Instinktveramung, in dem sich unsere Neurosen und allen denkbaren Entartungen subsummieren. Diesen Sachverhalt vermochte Freud beim damaligen Stand der Wissenschaft nicht zu klären. Jedoch behandelt auch eines seiner gesellschaftskritischsten Werke: Das Unbehagen in der Kultur - einen Aspekt des Phänomens "Lust", und zwar einen unmissverständlich negativen. 'Rein geistig' betrachtet jedoch ist es ein Genuss, sie zu lesen, ein Behagen....


3 - Das Realitätsprinzip

Das Realitätsprinzip ist nach der Theorie der klassischen Psychoanalyse eines der beiden Prinzipien, die das psychische Geschehen beherrschen. Es bildet ein Paar mit dem Lustprinzip.

Sinnbestimmung des Prinzips
Im Gegensatz zu dem Lustprinzip, das vom Es ausgeht und sich nicht an der umgebenden Realität orientiert, stellt das Realitätsprinzip ein Verhaltensschema dar, nach dem das Ich oder Bewusstsein handelt. Das Realitätsprinzip kommt im Laufe der intellektuellen Reifung des Ichs durch dessen Auseinandersetzung mit der Umwelt zur Geltung und gilt demgemäß als Teil Ich. Es bezeichnet die charakteristische Aufgabe des Ichs, für die Befriedigung der verschiedenen Triebe des Es die jeweils herrschende Umwelt - die "Realität" - berücksichtigen zu müssen, ihre Inhalte zu diesem Zweck nach dafür Brauch- oder Unbrauchbar unterscheidend.


Arbeitsweise
Die Faktoren der konkreten Situation werden zu diesem Zweck teils bewusst bewertet, anderen teils wirken auf die innere Gestaltung des Gesamtbildes der "Realität" die vorbewussten Impulse des Über-Ichs mit ein. Letztere stammen u.a. aus den übernommenen oder anerzogenen Wertvorstellungen, davon abgesehen aber allgemein aus allen "Erfahrungen", die der Mensch im Verlaufe seiner Entwicklung gesammelt und somit das Über-Ich geprägt hat. Ist dem Ich die Erfüllung einer der Forderungen des ES momentan nicht möglich, weil eine konkret gegebene Situationen seitens der Umwelt dagegen spricht, kann es eine zeitliche Verschiebung der Triebbefriedigung oder die "sublimierende" Umlenkung der Energie auf ein anderes der insgesamt 6 Grundbedürfnisse vornehmen.


Versagen des Ichs
Ein anderer Fall liegt bei den sittlich motivierten Inhalten des Über-Ichs vor, die sich nach Freud unter dem Moralitätsprinzip subsummieren und den Ansprüchen des ES - speziell seinen körperlichen Lustbedürfnissen - von Innen heraus geradezu feindlich gegenüber stehen und das Ich veranlassen können, ihre Verdrängung ins Unbewusste zu bewirken. Der Beweggrund dieses den Abwehrmechanismen zugerechneten Phänomens ist die Schwächung oder Ausschaltung der Schuldgefühle, die das Ich, hervorgerufen durch die in sein Über-Ich verinnerlichte Erziehung, empfindet, sobald es mit den vom Es ausgehenden 'Versuchungen' konfrontiert wird, dessen triebhaften Begierden nachzugeben.


Wiederaufrichten des Ichs
Bei seinem Streben, das mit solcher Verdrängung verbundene neurotische Leiden und die Unfähigkeit einer bewusst gewollten Sublimation (s.o.) ursächlich aufzuklären und zu heilen, entdeckte Freud die intellektuelle Aufgabe des Ichs, für die Befriedigung der Lustbestrebungen des Es die Realität berücksichtigen zu müssen - respektive "reale" (umgebende) Phänomene von 'irrealen' ('Einbildungen', wie die der Kindheit entstammenden Schuldgefühle) zu unterscheiden. Dieser Erkenntnis konsquent Folge leisten, unterstellt er den Entwurf der Psychoanalyse dem "Primat des Intellekts" - die höchste der Formen des Realitätsprinzips. (Siehe u.a. Das Ich und das Es). Das Prinzip der Lust (Es) wird demnach von Realitätsprinzip des Ichs nicht etwa beschnitten - geschweigen den Anulliert, vielmehr ergänzen sich Es und Ich, indem die Forderungen erster Instanz vom Ich bewusst kontrolliert und zur jweils herrschenden Umweltsituation angepasst werden.




4- Allgemeines 


Träume geben Auskunft über die aktuelle Situation des Träumenden und führen zurück in die oft sehr problematische Beziehung mit den frühesten Bezugspersonen. Eine Auseinandersetzung mit den Träumen wäre daher der geeignet Weg, eine aktuelle Krise zu verarbeiten. Während dessen werden Konflikte wieder bewusst, die in der Kindheit nicht zu bewältigen waren,  mit dem Unterschied, jetzt als Erwachsener fähig geworden zu sein, sie zu verstehen... Überlege Dir gegebenfalls, ob Du diese Art von Therapie beanspruchen möchtest (bei der Laienanalyse ist sie nicht verbunden mit den Erwartungen einer wie auch immer gearteten Gegenleistung) und informiere Dich auch über andere Angebote. Dein Hausarzt und die Krankenkasse werden Dir auf Anfrage weiterführende Adressen bieten, ggf. auch aufklären über den Unterschied zwischen  Tiefenpsychologie und einer verhaltenstherapeutischen Behandlung.
 
Wie ein Traum auf einen Auslegungsversuch vorbereitet werden soll, findest Du anhand des Beispiels unten beschrieben.
Wenn Du Fragen hast, schreibe uns gerne; einer von uns wird sich selbstverständlich gerne mit Dir befassen.




2- "Ich habe zur Zeit eine Krise, wegen einem Streit mit meiner 
Mutter  - was kann ich machen, um ihn zu lösen?"

Lieber Mark!


In Deinem Brief berichtest Du von Deiner Krise und fragst, ob ich einen Rat wüsste. Dafür erzähle mir bitte ein bisschen mehr von den Hintergründen Deines Konfliktes und sende dazu einen Deiner Träume.
Träume stellen Botschaften des Unbewussten dar, die über Deine innere Situation berichten, die ihrer symbolischen Sprache wegen aber ausgelegt werden müssen, dies bedarf Deiner Mitarbeit. In einem ersten Schritt versetze Dich dafür bitte nochmals erneut hinein in das Geschehen Deines Traumes, lasse es auf Dich wirken und formuliere eine Überschrift, die zu seiner Dramaturgie gefühlsmäßig passt - am besten eine poetische, so wie es die Dichter mit ihren Werken
machen ... (Solltest Du eine finden, die Dir nachträglich als zu rational erscheint, suche nach einer zweiten und unterteile vielleicht auch den Traum - wenn es ein längerer sein sollte, in Unterkapitel mit jeweiligen Extraüberschriften.)...

Im nächsten der Schritte geht es um die 

verschiedenen Symbole Deines Traumes.

Tauchen in dem Traum Dir bekannten Personen auf, dann fertige bitte Charakterportraits an, die die positiven und negativen Eigenschaften des jeweiligen Menschen so beschreiben, dass sich auch einer, der ihn nicht kennt, eine genauere Vorstellung von ihm machen kann. Wenn Du eine Person nicht kennst, stelle Vermutungen oder Phantasien an, wer sie sein oder was sie wollen könnte. Berichte ebenfalls von Erinnerungen an frühere Erlebnisse/ Ereignisse, Dir Dir beim Nachsinnen einfallen, sowie von dem, was an dem Tag vor dem Traum passierte. Wie sieht Deine allgemeine zwischenmenschliche Situation aus?

Für alle anderen Symbole gilt: Bestimme sie durch Markierung und überlege bei jedem gesondert für sich, wie es funktioniert, was es tut, woher es stammt (wie es gemacht wird, ggf auch: wächst) und wozu es sich selbst, seinem Hersteller oder seinem Nutzer dient. Ob Deine Einfälle wissenschaftlich richtig sind oder nicht, ist unwichtig. Auf keinen Fall schaue in einem Lexikon nach oder berücksichtige andere Leute mit ihren Ansichten. Den Prozess der Verarbeitung Deiner Situation (Selbstheilungskraft Deiner Seele) förderst Du nur, indem Du mit Dir selbst darum ringst, die für Dich plausiblen Beschreibungen aller Symbole zu entdecken. Deine Gefühle ignoriere während dessen genau so wenig wie die Formen und das Funktionieren der Teile, aus denen etwa "Blumen" bestehen.

Ein Beispiel, um Dir die Methode 

etwas anschaulicher zu machen:

Ein Junge träumte, er wurde von einem Arzt untersucht; er stellt fest: ein Organ liegt schief und soll operiert werden. Darnach schickt er ihn ein Stockwerk höher, um von drei andere Ärzte seine Nase untersuchen zu lassen. Sie entdecken Polypen, die sollen zuerst operiert werden.

Dieser Traum hat 5 Symbole, die der Junge beschrieb wie folgt:

Arzt/Ärzte: Sie haben Gesundheitsmodelle, die erlauben, Krankheiten zu erkennen
....................................Gesundheit: Naturzustand

Organ: Körperbestandteil, das man braucht zum leben.
............Körper: Ein Teil der Seele, die auch einen Geist hat
.............Geist: Der Seelenteil, der gesundes und krankes unterscheidet.

operieren: Eingriffe machen, die die Heilung fördern.

Nase: zum Luft holen und Riechen
..................Luft: ein lebensnotwendiger Stoff
...................Riechen: Qualität der Nahrung prüfen.

Polypen: Verstopfen die Nase.
 



Wie Du siehst, beim Beschreiben der ursprünglichen 5 Symbole tauchen neue auf, die auch definiert und beschrieben werden sollen. Je mehr "Freie Assoziationen" Du Dir ertauchst aus den Inhalten unter der bewusst erinnerten Oberfläche Deines Traumes, desto besser - desto tiefer ergründest Du den "Dark Continent" Deiner Seele und förderst dadurch die Informationen ans Licht des Tages, die ich brauche, um mit dem Versuch einer Deutung zu beginnen. Seinem Traum gab der Junge die Überschrift "Unangenehme Überraschung".

Hast Du hierzu Verständnisfragen?
Ansonsten freue ich mich sehr auf Deine Vorbereitungen, viel Erfolg! 
 

Dein Uwe




5- Die narzißtische Kränkung





 
Narzißtische Kränkung ist ein Fachbegriff, den Sigmund Freud im Laufe der Entwicklung der Psychoanalyse prägte.  Als Kränkung bezeichnete er hierbei all jene Erkenntnisse, in deren Möglichkeitsbereich es liegt, dem "Ich" des erwachsenen Menschen die unangenehme Wahrheit mitteilen zu können, dass sein Anspruch auf Zuwendung, Aufmerksamkeit, Geborgenheit: 'Liebe' eines anderen, Halt und Hilfe in kirchlichen, säculären oder anderen ominösen Mächten, grundsätzlich infantil/ kindisch ist, durch und durch egostisch und vor allem illusorisch. Solche Ansprüche sind bedingt von jenen Vorstellungen des Ichs, die - anstatt von seelisch-emotioneller "Reife" zu berichten, an die früheste ("orale") Phase der Entwicklung fixiert wurden... 
Zur Veranschaulichung des Wesen dieser im Säuglingsalter zurückgebliebenen Ich-Anteile arbeitet Freud oft mit dem Hinweis auf die Sehnsucht nach embryonaler Geborgenheit im Mutterleib, ein schönes, unmißverständliches Symbol des einst erfahrenen, sorgen- und schwerelos im Uterus schwebenden Glücks. Von dieser im ÜberIch als Ozeanisches Gefühl aufbewahrten Erinnerung sind all jene Märchen und Mythen motiviert, welche von einem Schlaraffenland oder paradiesischen Garten berichten, der kaum dass er bewusst wurde, auch schon wieder verloren ging...


Das Wesen des Narzißmus

Während der psychoanalytischen Behandlung wird bewußt, was in den alltäglichen Beziehungen unbewußt bleibt, diese unerträglich gestaltend (s. Szenen einer Ehe) - und zwar die narzißtische Erwartung nach Liebe oder deren Ersatzmitteln (Geld) und die von Vorwürfen, Wut, Hass, Depression oder Verbitterung begleitete Erfahrung der Unmöglichkeit ihrer Erfüllung. Solch ein Anspruch - der Kern all unserer Liebesdramen und -tragödien - ist unberechtigt für einen erwachsenen Menschen mit seinen nach Eigenständigkeit strebenden Lebenstrieben, seiner prinzipiellen geist-körperlichen Fähigkeit zur Selbstversorgung und zur uneigennützigen Liebe, an deren Entfaltung ihn erst der Narzißmus ("Todestrieb" nach Freud) mit seinem Drang, wie ein Säugling gehütet, ernährt und zärtlich in all seinen Bedürfnissen befriedigt zu werden, hindert; so wird die schonend vorbereitete Begegnung mit der Aussichtslosigkeit dieser narzißtischen Erwartungen zu einer in hohem Maße intimen, emotional schwer verkraftbaren Erfahrung. Gerade Analytiker, die in den Vollbesitz ihrer Kräfte gelangten, die fähig zur selbstlosen Liebe wurden, werden sie ihren Klienten nicht ersparen. Sie werden ihnen  zur Seite stehen, das Wesen und Streben dieses Syndroms zu entdecken, um es nach und nach zu verarbeiten und fähig zu werden, das eigene Glück zu schmieden...

 
Übertragung und Gegenübertragung

Dies ist der erste von den zu vollziehen Schritten zur Heilung, den jeder Patient der Psychoanlyse ab dem Beginn der Durchleuchtung seiner Übertragungen auf die Person des Psychoanalytikers macht, denn er meint fälschlich von diesem - meist aufgrund der mindestens fachkundig entgegengebrachten, u.U. auch empathischen Zuwendung - ersatzweise geliebt werden zu können wie von einer Mutter.


Die Übertragung oder "Projektion" von Erwartungen, Furcht vor Enttäuschung und weiteren Affekten, ist an sich  kein  pathologischer Vorgang; sie verkörpert vielmehr ein Vermögen des Ichs: den "animistischen Glauben", mit dem das Ergründen (Kennenlernen) der gegenüber georteten Projektions'fläche' beginnt, entweder um den weiteren Kontakt zu beenden, oder um ihn zu vertiefen, je nach dem. 


Ist die Fläche der Projektionen ein Mensch, projiziert sie zurück, und als Psychoanalytiker ist 'sie' sich außerdem der Unvermeidbarkeit dieses wechselseitig stattfindenen Phänomens bewußt - die Grundvoraussetzung für das Gelingen der psychoanalytisch geführten Beziehung (s. Übertragung und Gegenübertragung). Ohne sie hätte Freud seinen eigenen Narzissmus nicht entdecken können, folglich auch nicht kontrollieren im Sinne seines und des Vorankommens seiner Patienten. Statt dessen wäre er - wie der Knabe "Narziss" über dem Spiegelbild seines Anlitzes auf der Oberfläche des Sees, durch die er wie in der Mutter Leib zu regredieren sich sehnt - bewundernd in seiner Übertragung auf den Patienten ihm gegenüber verharrt und enttäuscht bis mörderisch wütend oder depressiv geworden, dass dieser ihn nicht liebt. Oder hätte begonnen, sich mit Geld ersatzweise zu begnügen...


Narzißtische Kränkung durch die Laienanalyse

Professionalität im Sinne eines Tauschhandelsabkommens (Geld, Zuwendung usw) im Sinne einer Gegenleistung des erbrachten Einsatzes, stellt kein konzeptionelles Bestandteil der Psychoanalyse dar. Aufgrund der Entdeckung des narzißtischen Syndroms war Freud nicht nur zurückhaltend gewordenen gegen seine eigenen Reichtumsphantasien ("Geld ist kein Kinderwunsch") und den Hang zur Ausbeutung rat- und hilfloserer Menschen, er sah auch seine Neigung, die Psychoanalyse in eine machtvolle Institution im Rahmen der staatlich gelenkten Akademien, Ärztekammern usw. verwandeln zu wollen, als höchst problematisch an. Von beiden ebenso abhängig wie manipulierbar machenden Tendenzen, distanziert er sich ausdrücklich in der Abhandlung Zur Frage der Laienanalyse. Die Psychoanalyse soll ein konstruktives, heilsames Bestandteil der zwischenmenschlichen Begegnungen sein (kein Verkaufsschlager) und dadurch angeeignet werden, dass man sich auf dem Wege der "Freien Assoziationen" über die Symbole der eigenen Träume mit dem Unbewussten konfrontiert  - zur Not mit sich allein, idealer Weise aber mit dem Beistand eines schon erfahrenen Analytikers. Freud war zu allererst sein eigener Klient und versiertester Kritiker -  nicht aufgrund seiner erworbenen Hochschulreife: trotzdem.

Auch diese Forderung (- die zentrale Aussage in der Frage der Laienanalyse) führte zu einer Kränkung des Narzißmus. Sowohl bei Freuds selbst, wie auch bei jenen naiven Mitgliedern der jungen psychoanytischen Bewegung, die sich aus der Anwendung dieses neuen diagnostisch-therapeutischen Instruments sehr viel - so viel als überhaupt möglich eben von dem an Reichtum, Prestige
durch die Menge ihrer Patienten und Macht über sie erhofft hatten, was durch Freuds Abhandlung zurückgewiesen worden ist. Das narzißtische Syndrom mitsamt seinen symptomatischen Äußerungen soll nicht kultiviert werden, sondern ergründet und therapiert. Die akademische Analyse nimmt dies auch 100 Jahre nach Freud nicht zur Kenntnis, sondern weißt die ihr vom 'Über-Vater'  zugefügte Kränkung durch Ignoranz gegenüber der Laienanalyse zurück...

 

Kulturkreis-spezifische Kränkungen

Zur Verdeutlichung der Narzißtischen Kränkung, die jeder Mensch als mehr oder weniger unverzeiliche Zumutung für seine gesellschaftlich geprägten Scheinwerts- und -glückvorstellungen empfinden muß, griff Freud auf Beispiele von Erkenntnissen zurück, die zumindest bei Einzelnen zum (partiellen) Verlust solcher Illusionen und des damit verbundenden tödlich gekränkten Stolzes führten.

Vorzumerken für das Verständnis ist hierbei der hintergründige Sachverhalt, dass den Symbolen vom Ich-Bewusstsein eine bestimmte Bedeutung  beigemessen wird, ein Sachverhalt, der sich im Vorbewussten (ÜberIch/ "Gewissen") konsolidiert. Dadurch werden die Bedeutungen mit Affekten besetzt, die nicht unbedingt dem Narzißmus entstammen; es kann sich auch um positiv emotionalisierte, ES-zugewandte Symbole handeln, je nach dem, wer sie ersinnt oder verwendet. Ist es nicht Die Krone der Schöpfung (der seelisch-emotionell gesunde, artgerecht sozialisierte Mensch), dann hat ein derart fehlgeprägtes Über-Ich zur Folge, dass das an die Wahrhaftigkeit jener Bedeutungen glaubende Ich sich an die Äußerlichkeit der Symbole zu klammern versucht als hinge sein Leben an einem Faden über dem Abgrund, in dem sich der unheimliche Dark Continent seiner vorbewussten Perversitäten und ins Tiefe Unbewusste gewaltsam verdrängten Triebe auftut, den Faden in panischer Todesangst verteidigend gegen jene, die an ihm schneiden. Derartige Abwehrreaktionen führen unter anderem zum Phänomen der Inquisition/ Teufelsaustreibung).

Solche Maßnahmen - vergleichbar der Panik 'Dagobert Ducks', als er merkt oder glaubt, dass die 'Panzerknacker' ihm seinen  Liebesersatzhalt zu entwenden drohen, sind narzisstisch motiviert.

Auch ein wirklicher Überfall also, der zum Verlust eines 'real existierenden' Goldschatzes führt, kann eine schwere Narzißtische Kränkung auslösen, wiederum vorausgesetzt, der Beraubte sei ein Narzißt. Es bedarf etwas psychologischen Einfühlungsvermögens, um zu verstehen, worauf der auch vor Mord nicht zurückschreckende "Widerstand" der sich durch die Naturwissenschaft beraubt Fühlenden beruht. Die drei Beispiele, die Freud hinzuzieht um das Phänomen der narzißtischen Kränkung zu illustrieren, sind nun folgende:
  • Kopernikus' Entdeckung, durch die die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums gerückt wurde, in dem sie der Kirchenlehre gemäß stand - im Zentrum der göttlichen Aufmerksamkeit
  •  Charles Darwins Theorie zur evolutionären Heimat des Menschen im Reich der Primaten, was nicht nur die biblische Schöpfungsgeschichte sondern vor allem den Glaube des Menschen an sich als vernunftbegabtes Exklusivgeschöpf Gottes ad absurdum führte (Interessante juristische Abwehrreaktion von Seiten der Religion: "Der Affenprozess".)
  • und schließlich das Verdienst der Psychoanalyse, die Menschheit mit der Erkenntnis konfrontiert zu haben, dass das Ich samt seiner in Gott oft das Superlativ seiner selbst erblickenden Analytik, nur einen verhältnismäßig winzigen Bereich gegenüber dem des Unbewussten einnimmt und vor allem: nicht weiß, was darin geschieht
Das ICH ist nicht nur fehlbar ("Irren ist Menschlich"), es ist vor allem nicht Herr im eigenen Hause. Es ist beherrscht von den Affekten der körperlichen Bedürfnisse seines ES,
geknechtet von der Macht der frühkindlich ins ÜBER-ICH geprägten Moralerziehung, Traumata der totemischen Pubertätsritale, Jugendweihen, Neurosen und zahllosen weiteren ent sätzlichsten Perversionen, von denen insbesondere unsere Träume berichten. Traumdeutung ist nie und nirgends unterhaltsam: die Situation der Menschheit und aller vereinzelten Einzelnen ist prekär...


Narzißtische Kränkung und Religionskritik

Nach Freud hat der religiöse Glaube seinen Ursprung in jenen sich nach kindisch verantwortungsfreier Geborgenheit unter einer höheren Macht sehnenden Ich-Anteilen, deren Wünschen gemäß die zwischenmenschlichen Beziehungen und Institutionennach ihrem Ebenbilde gestaltet
("Vater Staat", "Mutter Kirche") und sonst als "lieber Gott" auf den Kosmos projiziert werden, ihn animistisch mit den eigenen Wünschen und Affekten 'belebend'. (Übertragung ohne Gegenübertragung.) So stellt die psychoanalytische Religionskritik ("Eiapopeia vom Himmel") eine weitere narzisstische Kränkungen dar/ - Nietzsches "Gott ist tot!" ihren Vorläufer... Ihre Fortsetzung findet sich in der Diskussion um die möglichen Ursachen und therapeutischen Konzepte zur Behebung der Instinktverarmung des neurotischen, infantilen 'homo sapiens' der Gegenwart. Aktuell gipfelt sie in der Hypothese, daß der Homo sapiens von Natur aus kein Mensch bzw. Narzißt ist, sondern ein gesundes Tier - die vielleicht schwerste aller Narzißtischen Kränkungen.

 

Versuch einer Gegenkränkung

Einige Gegner der Psychoanalyse wenden dagegen ein, die von Freud wohldosiert verabreichten Kränkungen (eigentlich: Erkenntnisse) seien kaum geeignet, das von ihm diagnostizierte Leiden zu kurieren, und empfählen alternativ ihre eigenen Methoden - die langbewährten Heilslehren der Konfessionen, rationalistische Metaphysik, bewusstseinserweiternde Drogen und legale psychopharmazeutische Kuren. "Gesundheit" wird anhand eines statistisch erhobenen Mittelwerts ("Normalität" des Narzißmus) formuliert... ob aus neurotischer Ignoranz, oder um sich vorbeugend gegen die Gefahr einer Ansteckung mit Freuds Thesen zu immunisieren (Psychoanalyse als "Krankheit"), bleibt offen. So wird die Psychoanalyse, die das Phänomen der Narzißtischen Kränkung entdeckte, selber pathologisiert
. Beide Welten trennt wie eine unüberbrückbare Kluft das "Unbewusste", aus dessen Symbolen Freud alle seine Offenbarungen gewann, auf das ES hinhörend und tuend, wonach ihm verlangte.





6- Skizze einer Therapeutischen Nachreifung


Von Seiten der üblichen Psychotherapielehren, die die Eingliederung – meisstens die Wiedereingliede-rung der „Arbeitsunfähigen“ ins gesellschaftliche System zum Ziel haben, wird Freuds Psychoanalyse oft vorgeworfen, dass sie die realitätsfremde Passivität jener ihrer Patienten, die die Systemsanpassung verweigern, dulden oder gar fördern würde, aus der Auffassung heraus, dass – wer konsumiert aber nicht produziert, ein kranker, skrupelloser „Parasit“ sei, während die gesunden realitäts- und verantwortungs-bewussten Bürger diejenigen seien, die das ‚Glück‘ auf dem Wege des ewigen Fortschritts/ unersättlichen Wohlstandswachstums) anstreben. Dies gilt als eine unbestreitbar gesunde Ansicht. Niemand merkt, dass solch Fortschritt anstatt das Glück zu garantieren, nur eine Illusion nach der anderen fabriziert, den Menschen von einer zur nächsten Sackgasse verleitend und im Labyrinth des Leidens gefangen haltend. Keiner wird vom „System“ glücklich gemacht, sondern krank. Solche Anpassung jeder Folgegeneration durch die vorherige/ Täter-Opferteufelskreislauf) führt zu zwei Wesensentsellungsformen des geistigen Kanals hin: Glaube an indoktrinäre Lehren und Skeptizismus (blinde Unterwerfung und chaotischer Widerstand), Gehorsam und Verweigerung (Hoffnung und Verzweiflung); keiner erreicht das Ziel und keiner findet den Ausweg.
 

Während die offizielle Psychotherapie also das Streben nach Glück auf einer illusionären Ideologie verankert, die dem Heilssuchenden lehrt, seine Lebensenergie in der technologisch immer effizienter werdenden Produktion des eigenen Konsums aufzureiben und diese aufopfernde Selbsttäuschung unhinterfragt aufrechtszuerhalten bis er stirbt, strebt die Psychoanalyse die Heilung anhand Aufklärung des Menschen durch Konfrontation mit seinem Betrogen-Sein, dem sich daraus ergebenden Elend, an... anders als Satre - der von den Menschen forderte, „selbst“ etwas anderes aus sich zu machen als was „andere“ aus ihnen gemacht haben - mit der demütigenden Erkenntnis, dass sich niemand ohne Leitung und Methode selbst helfen kann. Nicht so sehr wegen derUnmöglichkeit, sich am eigenen Schöpfe aus dem Sumpf zu ziehen, sondern weil die Erziehungsprägung sich verselbstständigt, zu einem Automatismus werdend, der ohne methodische Ursachenforschung nicht bewusst erkannt werden kann. Also nicht gestopt, geschweige denn umkehren.
Die Methode, anhand der der in der Familie geborene, durch Isolierung oralnarzißtisch zurückgebliebene und durch Moralerziehung instinktkastrierte Bürger seine Situation realisieren und mittels Nachreifung therapieren soll, ist von dem Naturmodell der Primatischen Kindergruppe inspiriert, in der der Homo sapiens sich ab der „analen Phase/ ca. 3. L.j.)" von seiner Mutter gefühlsmäßig löste, ebenso instinktgeleitet mit den anderen Kindern sozialisierte und zur Pubertät seine psychische Reifung erlangte. Anders als beim Naturkind, dem sich diese Frage nicht stellte, kann die Reifung von uns nur durch einen bewusst angestrebten Gruppenaustausch nachgeholt werden, der auch dann wenn sich der Austausch auf drei Mitglieder reduziert seinen Zweck erfüllt, vorausgesetzt, dass alle über den Sinn der Gruppenbildung und ihres Austausches: die mäeutisch-/sokratische Bereinigung des Ich und Über-Ichs von der moral-gesellschaftlichen Prägung vollaufgeklärt sind. Die oralnarzißtische Fixierung wird dann durch die sich dabei einstellende Gruppendynamik nach und nach aufgehoben und der zu Beginn bewusst angestrebte Einsatz, nach und nach durch die naturgemäße (spontane) Sozialität ersetzt. Die Aufklärung der Nachreifungsgruppe wird anhand des Naturmodells der Gruppenbeziehungen angeregt (Diskussionsgrundlage) und die Heilung der Ich-schäden imfolge der domestizierenden Familie durch Traumdeutung erlangt, die w.o.g. mit fremder Hilfe und Leitung beginnt, nach und nach aber in die eigene Hand genommen wird, indem die Gruppenmitglieder lernen, ihre eigenen Träume selbst zu deuten und sich bei den Analysen gegenseitig zu helfen. Gegenseitige Symphatie ist dafür nicht erforderlich, geschweige Lust oder das Zusammenwohnen der Gruppenteilnehmer in "WG's", denn nicht ihr ICH muß nachreifen sondern ihr ES.
Auch in der primateneigenen Kindergemeinschaft erfolgte die psychische Reifung nicht aufgrund Symphatie, sondern durch die Bewältigung rein emotioneller Konflikte – v.a. zwischen den Eigeninteressen der jeweils ein wenig älteren und den Forderungen der jeweils jüngeren, bei den schon erfahreneren trost-, rat- und anerkennungssuchenden Kindern -, so soll die sachliche objektive Auseinandersetzung (zwecks aufrichtiger konsequenter Konfliktbewältigung) der Befreiung und Nachreifung des ES gerichtet sein – nicht des Hausfriedens zuliebe. Einkaufs- und Putzpläne (Politik schlechthin) stellen Leistungen der reinen ICH-Reife dar, die vollkommen abgetrennt von der des ES erfolgen kann (Einsteins Syndrom), so soll das Engagement und die Einsatzbereitschaft der therapeutischen Selbsthilfegruppe nicht im Interesse ihrer ICH-bewussten Ansichten/ Glaube oder Überzeugung) erfolgen, sondern gemäß der dem Es immanenten Bedürfnisse.  Die gefühlsmäßige Verbundenheit der Gruppe soll erst entstehen und sich festigen in dem Maße wie alle inwendig nachreifen, wie in der Urgemeinschaft...
So beginnt die psychoanalytische Therapie mit der sokratischen Hinterfragung des systemsgeprägten Ichs einschl. Privatgedächtnis/ Über-Ich) anhand Traumdeutung, wobei das im Unbewussten einbetonierte ES wiederendeckt und aus seinem Kerker erlöst wird, es dem Analysand dialektisch fördernd, dass er seine eigene Befreiung und Entwicklung nach und nach immer selbstständiger verwirklichen kann. Dies erweckt in den Augen der Gesellschaft trotzdem den Einduck, dass der Patient völlig passiv gestellt würde, ihn lediglich veranlassend seine Einfälle herzugeben damit andere sie auslegen, ohne zu merken, welche Anstrengung dies denjenigen kostet, der – um geholfen werden zu können – sein mächtiges Über-Ich selbst herausfordern muß, sich ihm gegenüber behauptend und durchsetztend, und welchen Mut und welche Kraft es verlangt, von dem liebgewordenen Elend Abschied zu nehmen, um sich in den unheimlichen „dark continent“ der psychischen Nachreifung hineinzuwagen...
Die Psychoanalyse fordert nun die Passivität ihrer Klienten überhaupt nicht. Das Gegenteil ist der Fall, denn sie arbeitet dialektisch. Sie fördert die Bereitschaft des Menschen, sich in dem Maße, wie er die natürliche Bestimmung seines Daseins erkennt, selbstverantwortlich zu verwirklichen und die dazugehörige Welt eigenmächtig aufzubauen, die höchste Form der Aktivität: die kreative, zu Tage bringend. So liegt die Aufgabe der offiziellen Psychotherapien darin, den Mensch im Sinne des ihn seiner Naturbestimmung beraubenden Systems funktionstüchtig zu machen, wozu sie seine Entartung der jeweils modischen Normalität anzupassen und die naive Selbsttäuschung anhand akademischer Argumente undurchschaubar zu machen versucht, den Mensch passiv in seinem Kranksein gefangen haltend, während die Psychoanalyse ihn herausfordert, seine Schäden und Illusionen diagnostisch zu durchleuchten und sich eigenmächtig inwendig zu befreien, sich zu heilen, selbstzubestimmen und selbst sein eigenes Glück zu schmieden...




“S y m b o l - L e h r e 

“Traum-, Kunst- und Sprachauslegungsmethode

Zum ersten Teil der Freudschen Lehre gehört seine Theorie über die Entstehung der Symbole. Im Es also - nicht im Ich, wie meißt angenommen wird, ist die „Logik“ verankert. Das Ich verkündigt nur in der Außenwelt - wie ein Herold - den Es-Wille, wobei es nur abliest, was das Es mitteilen will. Der Zuhörer vernimmt aber die Botschaft durch sein Ich, so ensteht ihm der Eindruck, als ob er selbst Schöpfer der Symbole sei...

Die ihnen innwohnenden Wünsche werden anhand einer starren Form übermittelt: zuerst wird die Aufmerksamkeit des Zuhörers gefordert, dann wird verkündigt, was verwirklicht werden soll. Solch Symbol besteht nur aus dem aufmerksamkeitsfordernden Subjekt und einem Zusatz, mittels dessen der Wunsch angezeigt bzw. auf die Tätigkeit hingewiesen wird, die seiner Befriedigung dient, z.B. [Es hat] Hunger! [also] iss!. Dies begleitet außerdem ein Objekt, das den wunschbefriedigenden Gegenstand anzeigt, beispielsweise ein reifer Apfel. Gleichfalls erfahren wir aus der Sprache die Struktur der Logik, die dieselbe ist, die aller 'sinnvollen‘ Handlung zugrunde liegt.
Wir verstehen also den Sinn unserer Handlungen - wie das Werden der Dinge aus dem 'Urknall' im Kosmos -, weil er nach dem selben Muster erfolgt, wie die Bildung der Sätze unseres Denkens, die Gestaltung der Körpersprache, Kunstwerke und Gleichungen der Mathematik...
„Symbole“ werden all diese Informationsträger genannt, weil in jedem von ihnen 2 komplementäre Aspekte - wie ein Siegel und sein Abdruck - verschmolzen oder zusammengeballt sind, so als würden sie einen Vertrag  (griechisch sym-bàllein) miteinander geschlossen haben. Darüber hinaus verstehen wir all jene Mitteilungen als symbolisch, die nicht so 'klar' wie eine Gebrauchsanweisung strukturiert wurden, die uns ihren "Sinn" also nur indirekt mitteilen, der uns auf bloß rationalem Wege zwar verborgen bliebe, den wir aber anhand unserer allgemeinen Gefühlslogik dennoch nachvollziehen können. Die einfacheren solcher Symbole nennen wir “Bilder“, die komplexeren “Gleichnisse“ und die abstrakten “Allegorien“. Das logische Denken ist demnach grundsätzlich kollektiv (jeder Zelle des Organsimus eigentümlich), so stellt Descartes Cogito ergo sum eine Anmaßung dar, und das Individuum als denkende Entität eine reine Einbildung – wie Lacáns Interpretation des Freudschen Unbewussten bewußt macht....
Das Ich ist jedoch im Besitz eines eigenen Denkvermögens, sonst würden wir den Willen des Es vielleicht begreifen und umsetzten können, es wäre aber kein Fehler denkbar beim Versuch, seine Botschaften in Worte zu fassen und auszuführen. Unserem Ich-eigentümlichen Denken ist zwar die Logik des ES wohlvertraut - sonst würden wir seine Wünsche weder verstehen noch erfüllen können -, was aber dem Ich eigentümlich ist, ist die "Reflexion", die dialektisch erfolgt, indem es den Wunsch zuerst hypothetisch formuliert, wofür schließlich nur 2 alternierende Auslegungs- möglichkeiten (These und Antithese) bleiben, die an sich ebenbürtig sind - wie “Körper“ und “Geist“ -, dabei aber von entgegengesetzten Perspektiven (des selben) bedingt.
Beide werden zwecks Wahl der richtigen erwogen, oder aus beiden auch eine „Synthese“ erstellt – die freilich! verfehlt sein kann  („irren ist menschlich“). Gerade darin unterscheidet sich wesentlich die Ich-bewusste von der Es-eigentümlichen Denkungsart... Wie das Es seine noumenalen Botschaften oder Offenbarungen herstellt, wissen wir nicht. Da aber das Noumenon dimensionslos ist, dürfen wir ihm nicht unsere dialektische Reflektion zuschreiben, welche die zeitliche Dimension miteinbegreift. Das, womit das Es denkt, ist zeitlos, ungeworden, unvergänglich, so sind seine Botschaften unfehlbar, immer und nur wahr.
Solche noumenalen Botschaften könnte das Ich in ihrer Urfassung nicht begreifen, so müssen sie – wie auch die Reize unserer Sinnesorgane - im "Vorbewußten" auf eine Weise gefärbt, strukturiert und temperiert werden (vgl. Kants „Ästhetik“), die dem Ich-Bewußtsein nachvollziehbar ist, weil im Vorbewussten (ÜberIch) seine eigenen Erffahrungen gesammelt werden, die Botschaften dadurch zu Symbol-trächtigen Bildern und Allegorien machend.
Das Ich legt diese Wünsche dann wie oben gesagt "dialektisch" aus, sie zur Befriedigung des Es umsetzend zu der ihrerseits noumenalen Wirklichkeit, und sammelt die während solcher Handlungen anfallenden Erfahrungen ins Gedächtnis, auf dessen Inhalt das Es zurückgreift, wenn es erneut zu uns spricht. Wenn aber diese Erfahrungen nur weiter erzählt werden um sie weiter zu erzählen, sie unreflektiert und untherapiert lassend weil verbunden mit dies aktiv abwehrenden "Widerständen", dann entstehen mit der Zeit Überlieferungen, die vom offenkundig Traumatischen 'bereinigt' wurden, die Botschaften zu "Märchen", "Sagen" und "Mythen" verdichtend...







7 - Totem und Tabu


Totem und Tabu mit dem Untertitel: Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker ist ein Buch Sigmund Freuds aus dem Jahr 1913. Es besteht aus vier Aufsätzen, die in den Jahren 1912 und 1913 zuerst in der Zeitschrift Imago erschienen.

Freud ging in diesem Essay der existenziellen Frage nach, zu der ihn die Behandlung jedes seiner Klienten (einschl. seiner selbst) geführt hatte: Wenn die „monogame Familie“ jeden in ihr heranwachsenden Menschen psychisch krank macht, leidend an Straf- und Liebesverlustängsten, in deren Folge das Ich begann, einige der für einen naturgesetzlich konzeptionierten Glücksbegriff unersetzliche Bedürfnisse des Es in das Unbewusste zu verdrängen, welches ist dann die Lebensform, in der der Homo sapiens entstand?

Freud versuchte, diese Frage teils durch evolutionstheoretische Annahmen, teils anhand der Befunde, die die damalige Völkerkunde bot, zu beantworten. Primitive Gesellschaften, die noch keine Anzeichen einer „Totemisierung“ aufweisen, stehen gemäß der Arbeitshypothese Freuds auf einem psychisch einwandfrei gesunden Entwicklungsniveau der Menschheit; daher nahm er an, dass sich diese Phase mit der vergleichen lassen müsste, die das Individuum noch heute in seiner früheren Kindheit durchläuft. Zur Verdeutlichung dieser Verhältnisse zog er den bei gesunden Kindern beobachtbaren Hang zum animistisch-magischen Denken hinzu, ein projektives Phänomen, durch das die seelisch gesunden Urmenschen ihre Umwelt mit zwar unberechenbaren aber gutmütigen 'Geistern' bevölkerten, denen gegenüber sie anlässlich z.B. langer Dürreperioden Regentänze aufführten, um ihre Freundschaft zu erwerben. Das gleiche Phänomen (die "Übertragung" eigener Wünsche und Vorstellungen auf die Umgebung) gelangt freilich zur Wirkung in der religiösen Praktik, sich durch „Beten“ um Beistand in der Not an eine 'göttliche' Macht zu wenden. Hinter diesem infantilen Verhalten mancher Erwachsener, die dem Gott-Vater ihres Über-Ichs herab dazu einen Triebverzicht als frommes Opfer darbieten (- also eine neurotisch machende Gegenleistung für die ersehnte Leistung der göttlichen Liebe [?]), vermutete Freud allerdings einen von traumatischen Kindheitserlebnissen bedingten Wiederholungszwang als früheste Ursache; insofern unterscheidet sich der animistische (gesunde) vom totemisch-/religiösen (pathogenen) Glaube.

Die monotheistische Variante der Religiosität gilt der Psychoanalyse als ein historischer Nachfolger des totemischen Polytheismus. Und zwar handelt es sich beim Monotheismus um ein Phänomen, das sich nach Freuds Auffassung in der Geschichte der heutigen Nationen parallel herausbildete zu der zunehmenden und von ewigen Kriegen um die Alleinmacht forcierten Zentralisierung ihrer politisch-militärischen Institutionen. In den 'himmlischen' und 'irdischen' Mächten - Gott und der Staat - sieht Freud daher die zwei Seiten ein und derselben Medaille: die pathogene Zusammenlebensform unserer aus den Sitten des Totemismus (Urreligionen) hervorgegangenen, nach wie vor neurotischen Gesellschaft.

Rituale und Gebräuche der frühtotemischen Gesellschaften, die dem Bereich der Exogamie zugerechnet werden (- gemeint ist die sittliche Strafangst der Betroffenen vor dem geschlechtlichen Verkehr unter Angehörigen desselben Clans), führen wiederum zu der uns bekannten Form des Inzest-Tabus und zur Ein-Ehe als seiner Voraussetzung oder eng daran gekoppeltes Phänomen. Die zentrale These von „Totem und Tabu“ ist daher die zu der erstmaligen Einführung der Monogamie in der Geschichte der Menschheit: Der von der Brüdergemeinschaft der Urhorde gemeinsam begangene Mord am Urvater und die unter ihnen getroffene Vereinbarung, die Gemeinschaft der auf diesem Wege eroberten Frauen (also die Schwestern und Mütter der Brüder) mittels der Einehe gerecht unter sich zu verteilen...

In diesen hypothetischen Ereignissen sah Freud den eigentlichen Ursprung unserer Gesellschaftsform, allerdings ohne Aussicht auf ihre positive Wertung, denn die aus der Familie als Grundbaustein des Patriarchats hervorgehende Sohn-Vater-Beziehung bleibt geprägt von hoher Ambivalenz: sie ist sowohl getragen von der zärtlichen Bewunderung des Sohnes für den infantilen Vater, als auch von seinem Gefühl der Konkurrenz gegen ihn, um die Geborgenheit an der Brust oder im Bett der Mutter. Dieser von Freud unter Rückbezug auf einen altgriechischen Mythos so bezeichnete Ödipus-Komplex bildet insofern eine der stärksten Quellen jenes berühmt-berüchtigten Unbehagens, das sich dem Psychoanalytiker gegenüber unserer Gesellschaft regt.

Inhaltsverzeichnis

    1 Freuds Forderung an die Wissenschaft

        1.1 Der mythologische Bezug des neuen Hordenmodells
        1.2 Indizien aus der Megalitarchäologie
        1.3 Rückblick auf Freud

(ab hier noch in Arbeit)
2 Inhalt
        2.1 Übersicht
        2.2 Die Inzestscheu
        2.3 Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen
        2.4 Animismus, Magie und die Allmacht der Gedanken
        2.5 Die infantile Wiederkehr des Totemismus
    3 Hintergrund
    4 Rezeption
    5 Literatur
        5.1 Ausgaben
        5.2 Sekundärliteratur
    6 Weblinks
    7 Einzelnachweise


F r e u d s  F o r d e r u n g  a n  d i e  W i s s e n s c h a f t

Ausführlicheres zu den Hintergründen dieses Gefühls trägt Freud vor in seinem dementsprechend benannten Werk, nicht ohne aber den auch in Die Zukunft einer Illusion hinterlegten Hinweis, dass die in Totem und Tabu zusammengefassten Erwägungen einen hypothetisch-spekulativen Charakter haben und daher der weiteren wissenschaftlichen Überprüfung bedürfen. Insbesondere über die künftige Primaten-, sowie anthropologische Forschung soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich die von Dr. Darwin angeregte These der Ur-Horde (ein vitaler Einzelmann + sein 'Harem') gegen Kritik zu behaupten vermöchte, zu revidieren oder sonst zu verbessern sei.

Die Entdeckung der Primatenethologie, dass sich in der Hordengemeinschaft unserer genetisch nächsten Verwandten eine Gruppe gefühlsmäßig verbündeter Männer findet, eröffnete dem Analytiker Carlos Gutiérrez Sáenz die Möglichkeit, das Freudsche Konzept der Horde anhand eines plausibleren Modells des Urzusammenlebens punktuell zu korrigieren: Anstelle des von Freud angenommenen Einzelmannes oder "Ur-Vaters" wird eine Gruppe gefühlsmäßig verbundener Männer angenommen: die "Mannschaft". Dieser Änderung fordert eine Änderung an der in Totem und Tabu postulierten Vorgeschichte zur Einführung der Monogamie: Da es keinen "Urvater" gab (diese Spekulation Freuds ist nicht zu vereinbaren mit o.g. Befund der Ethologie), kann auch keiner ermordet worden sein, so führt erst die von daseinskämpferisch überlegenen Mannschaften veranlasste Vereinzelung der Männer unterlegener Männergruppen und die Verpaarung jedes dieser Männer mit je einer genauso vereinzelten Frau zum Konstrukt der "Monogamie"]

Hinweise, die geeignet sind diesen von C.G. Sáenz vielfach erörterten Vorschlag einer Änderung an Freuds Thesen stützen, bieten die Befunde zweier weiterer Wissenschaftsgebiete:


Mythologische Bezug des neuen Hordenmodells

In den Mythen der Menschheitsgeschichte finden sich viele uralte Berichte zur Herkunft der Monogamie, am bekanntesten im Abendland die Erzählung von der 'Erschaffung' Adams und Evas durch den alttestamentarischen Gott. Weniger bekannt, obzwar weit weniger ominös weil offensichtlich realpolitisch motiviert, ist die mythische Verpaarung des Epimetheus mit der gleich wie die Frau im 'Paradies' künstlich hergestellten Pandora. Dies Ereignis ist wiederum veranlasst von einer vergöttlichten, obzwar deutlich menschlich gebliebenen Macht (- die der Olympier unter Zeus Führung, der anhand dieser 'Zerschneidung' des Urgruppenlebens zu vereinzelten Individuen [s.a. Platos Kugelmenschen ] das politische Vergehen der titanischen Mannschaften um Prometheus bekämpft). Und es führt abermals, so wie in der mesopotamischen Kleingartenparzelle 'Adams und Evas', zum Ausbruch unseres naturfremden Leids auf Erden. Demnach - so die Überlegung C.G. Sáenz' - berichten diese und alle ähnlich strukturierten Mythen der Menschheitsgeschichte jeweils von zwei dicht beieinander liegenden Ereignissen:

> über die „Einführung der Monogamie“ als eine ursprünglich zur Konfliktbewältigung bestimmte Maßnahme der Urpolitik (im Umfeld der vorsintflutischen Megalithkulturen) und

> über die zum Ausbruch u.a. des „narzißtischen“ Syndroms führenden, leidensvollen Folgen dieses Eingriffes, unter den in dieser künstlichen Daseinsform heranwachsen müssenden Generationen.

Freuds Frage nach dem Ursprung der alle Mitglieder unserer Gesellschaftsform seelisch krank machenden 'Familie' (seiner Ansicht nach die eigentliche Büchse der Pandora), wird nun durch die Befunde der Primatenforschung nicht entschärft, sie bekommt wie von ihm ersehnt einen evolutionstheoretisch fundierteren, zudem von Seiten der Mythologie und Philosophie Platons bekräftigenden Hintergrund zugewiesen.


Indizien aus der Megalitarchäologie

Ähnlich konkrete Hinweise, welche indes aufgrund ihrer Beschaffenheit besser als die psychoanalythische Mythendeutung geeignet scheinen, das neue Hordenmodell zu stützen, liefert ein Grabungsbefund des Kognitionsarchäologen Colin Renfrew. Im Spektrum der Wissenschaft (Jan. '84) stellt er fest, dass in den größeren der Gemeinschaftsgräber der Megalithkulturen über Jahrhunderte hinweg durchschnittlich 8 weibliche und 9 männliche verstorbene Erwachsene pro Generation bestattet wurden, eine Zahl, die C.G. Sáenz' gemäß gut übereinstimmt mit der statistischen Normalgröße einer Hordengemeinschaft unserer nächsten primatischen Verwandten

Der vollständige Mangel an Hinweisen auf irgendwelche Rangunterschiede zwischen den Bestatteten innerhalb dieser Gemeinschaftsgräber (- im Gegensatz zu den typischen Einzelgräbern der patriarchatischen Gesellschaftsformen) veranlasste Renfrew weiterhin zu der Annahme, dass es sich bei den Schöpfern der Megalith-Monumente um eine "egalitäre" Kultur gehandelt haben müsse.

Dazu sinngemäß Carlos G. Sáenz: "Leider versäumte Colin R., sich zur näheren Begründung seines Postulats bei der modernen Primatenforschung zu informieren. Daher hält er die Egalität eher für eine rational-politische Errungenschaft ähnlich der der französischen Revolution, anstatt die Herkunft der hierarchie- und machtdrangsfrei gestalteten Gemeinschaftsgräber im Sozialitätsbedürfnis des Urmenschen und seiner Verwandten im Reich der Tiere zu orten."


Rückblick auf Freud

Anders als Renfrew bezüglich seiner These, war es Freud aus leicht einsehbaren Gründen nicht vergönnt, auf den momentanen Stand der primaten- und anthropologischen Forschung zuzugreifen, um das von ihm ersonnene Modell des Urzusammenlebens selbst auf seinen Wirklichkeitsgehalt hin zu überprüfen. In der Tat stellt seine „Darwinsche“ Urhorde eine Vorstellung dar, die er - wahrscheinlich ohne dass es ihm bewusst wurde, aus den Berichten und Märchen über das morgenländische Primitivpatriarchat übernahm, nämlich das dort nach wie vor verbreitete Zusammenleben des als Mann gleich wie hier im Abendland stets vereinzelt, "mono" bleibenden Familienvorstehers mit seinem mehr oder weniger umfangreichen Harem.

Eine Kritik an Freud als Wissenschaftler lässt sich daraus dennoch nicht konstruieren, forderte er doch selbst die Prüfung seiner Thesen. Auch würde es ohne seine Entdeckung des unabsichtlichen Fälschens von Forschungsobjekten aller Art (- auf dem Wege der auch für den animistischen Glauben maßgeblich werdenden, unbewusst erfolgenden Übertragung) die ethologische Methode noch immer nicht geben, insofern erschuf Freud persönlich die Voraussetzung, die zoo- und anthropologischen Wissenschaften zu erneuern. Deren Befunde ermöglichten wiederum C.G. Sáenz, das irrtümlich in der Evolution des Homo Sapiens geortete Hordenmodell Freuds zu korrigieren - zugleich dessen Thesen zur Herkunft des „Totemismus“ und des narzißtischen Syndroms.

Freud war sich des Unterschiedes zwischen dem Dogmatismus der auf der totemischen Moral ankernden Religionen und der triebhaft wissbegierigen Umgangsweise eines Forschers mit seinen Mutmaßungen bewusst. In Die Zukunft einer Illusion dokumentiert er nicht nur die von ihm als bei weitem noch ungenügend empfundene Gewissheit bzgl. seiner Annahmen (die Urhorde stellt neben dem 3-Instanzen-Modell der Seele das zweite Fundament seiner Psychoanalyse dar), um die künftige Prüfung dieser Thesen anzumahnen [10], es wird vor allem auch deutlich, dass er hier nicht als Wissenschaftler spricht, der es mit irgendeinem Objekt zu tun habe. Freud hat das sinnlose seelische Leiden der Opfer des Familienlebens und die Verantwortung der seelisch-emotionell genesenen Menschen vor Augen, den Ausbruch desselben unter Einsatz der ihnen zur Verfügung stehenden Mittel unterbinden zu müssen:

"Neue Generationen, liebevoll und zur Hochschätzung des Denkens erzogen, die frühzeitig die Wohltaten der Kultur erfahren haben, werden auch ein anderes Verhältnis zu ihr haben, sie als ihr eigenstes Besitztum empfinden, bereit sein, die Opfer an Arbeit und Triebbefriedigung für sie zu bringen, deren es zu ihrer Erhaltung bedarf. Sie werden den Zwang [der jetzigen, neurotisch machenden Erziehung] entbehren können [..] . Wenn es menschliche Massen von solcher Qualität bisher in keiner Kultur gegeben hat, so kommt es daher, daß keine Kultur noch die Einrichtungen getroffen hatte, um die Menschen in solcher Weise, und zwar von Kindheit an, zu beeinflussen." (Sigmund Freud: Prolog zur Zukunft einer Illusion)